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Gefühle - Unbekannte Momente

Im August bin ich relativ viel gereist; ein wunderbare Reise in den Jungel, nach Pacasmayo und einige Male nach Lima. Obwohl ich das sehr genossen habe, habe ich mich danach entschlossen mich wieder mehr auf das zu besinnen, wegen dem ich gekommen bin: meine Arbeit in der Maternidad de Maria. So habe ich die letzten zwei Monate Montags bis Samstags dort verbracht, meine Arbeit mit den Kids vertieft und neue Abteilungen kennengelernt. Vor allem bin ich immer wieder auf für mich sehr neue und extreme emotionale Situationen gestoßen. In vielen war ich eine Art unsichtbarer Zuschauer. Und bei allen musste ich meine Tränen zurückhalten, aus Rührung, Trauer, Freude oder meistens eine Mischung aus allem. Von diesen Momenten würde ich gerne erzählen (es sind eigentlich viel mehr als Momente, meine Erzählungen fangen aber bei dieses Momenten an).

Moment I – Guadalupe (und Hector, Abigail, Ephraim)

Ich bin mit Zoraida auf die Buchmesse auf dem Plaza Mayor gegangen. Während ich eine sehr schöne Ausgabe von Peter Pan in der Hand hatte treffen meine Augen auf ihre. Wir brauchen beide eine langen Moment um die Augen einzuordnen. Es ist Guadalupe: Lupita. Meine kleine beste Freundin. Bis sie eines schönen Tages ganz spontan von ihren Adoptiveltern abgeholt wurde. Und jetzt, nach einem Monat, sehe ich sie wieder. Auf dem Plaza Mayor. Wo sie herumtollt wie jedes andere kleine Mädchen. Und sie erkennt mich, gibt mir eine feste Umarmung und will mir unbedingt die Fontäne in der Mitte des Platzes zeigen. Erinnern sich ihre Eltern an mich? Wollen sie diese Vergangenheit Lupitas, zu der ich auch gehöre, abschließen? Ich bin mir nicht sicher wie es die Eltern finden mich zu sehen, deswegen sage ich auch ganz schnell wieder Tschüss, obwohl ich so gerne noch ein bisschen Zeit mit Lupita verbracht hätte. Aber ich will sie in ihrer neuen Welt lassen, an die sie sich gewöhnt zu haben scheint, die sie aber wahrscheinlich trotzdem noch nicht ganz versteht.

Ich fange also wieder mit den Kids an. Dort verbringe ich nach wie vor mit Abstand die meiste Zeit. Aber vor gut einem Monat hatten wir eine Woche in der sich viel an der Dynamik bei uns geändert hat: in dieser Woche sind Guadalupe und Hector gegangen und Abigail und Ephraim gekommen.

Am Montag kommt spontan der Anruf: Guadalupe darf zu ihren Adoptiveltern. Und obwohl sie weinend, nicht verstehend im Auto sitzt, sind wir alle glücklich, dass sie jetzt eine Familie hat. Am Mittwochabend setzte ich mich in ein Taxi um nochmal zur Maternidad zu fahren. Neben Bety und mit dem schlafenden Hector auf dem Arm geht’s im Nachtbus nach Lima. Hector wird nach Lima in ein anderes Kinderheim gehen. Obwohl er fast 3 ist, spricht er noch kein Wort und man hofft das er dort professionelle Hilfe bekommt. Definitiv ein schwerer Abschied, da ich Hector nicht in einer liebevollen Familie weiß. Aber als ich das Kinderheim sehe, geht’s mir schon viel besser: ein riesiges Haus im italienischen Stil mit fast so viel Personal wie Kindern, einem großen Hof, umgeben von Feldern. Alles was in der Maternidad fehlt. Und trotzdem wisch ich mir die Tränen aus den Augen, als ich einen verwirrten Hector das letzte Mal umarme. Den immer gut gelaunten, lachenden Hector und Lupita, die sich mit unglaublicher Hingabe um all die anderen gekümmert hat, vermisse ich bis heute sehr.

Freitag. Ebenso spontan wie Lupita weg ist, kommen die Geschwister Abigail (4 Jahre) und Ephraim (1 ½ Jahre). Warum sie jetzt bei uns sind weiß ich immer noch nicht. Sie haben sich relativ schnell an alles gewöhnt, nur am ersten Tag fragte Abigail oft nach ihrer Mama. Ihrer Faszination mit der Dusche mit warmen Wasser und vor allem der Klospühlung nach zu Urteil kommen sie aus sehr armen Verhältnissen. Heute kam ihre Oma zu Besuch. Weinend umarmte sie Abigail, die absolut keine Reaktion zeigte. So reagiert Abigail auch wenn sie Ärger bekommt: Sie zieht sich in sich zurück. Genau wie Angela, die auch sehr spät (mit fast 3 Jahren) zu uns gekommen ist. Ephraim, dessen Schlafschwierigkeiten schon sehr viel besser geworden waren, wacht nach dem Besuch wieder weinend auf. Auf meinem Arm schläft er wie immer gut, doch normalerweise kann ich ihn nach 5 Minuten wieder in sein Bett legen. Das klappt heute nicht.

Moment II – Martha

Ein Baby, 5 Tage alt, wurde im Bus liegen gelassen. Man geht davon aus, es wurde ausgesetzt. Ich komme aus Iquitos zurück und am Morgen kommt eine Frau in traditioneller Quechuakleidung in die Küche. Die Mama. Martha. 36 Jahre. Das Baby ist ihr zweites Kind, ihre Tochter ist 14. Martha wohnt in der Sierra; mit dem Bus nach Casma, mit einem anderen nach Yautan und dann 8 Stunden zu Fuß. Martha sagt ihr ging es nach der Geburt sehr schlecht, als sie umsteigen wollte hat ihr Mann erst sie nach draußen bringen wollen und in diesem Moment ist der Bus mit dem schlafenden Manuel weggefahren. Jetzt wohnt sie in der Maternidad weil sie ihr Baby nicht nochmal alleine lassen will. Sie wartet darauf das der endlose Papierkram beim peruanischen Äquivalent der Jugendamtes fertig ist.

Martha ist meine Freundin geworden. Sie bringt mir ein paar Wörter Quechua bei, ich bringe ihr lesen und schreiben bei. Neulich war sie krank und da wir ja in einer Art Krankenhaus sind, sag ich ihr „Lass und zum Arzt gehen“ – „Vamos“. Ich mach ihr einen Termin aus und sag ihr wo sie warten soll. Sie geht nicht sondern guckt mich an. Oder gehen wir lieber zusammen? „Juntos?“ – „Juntos!“. Sie kriegt ihr Rezept. Da ist die Apotheke. Oder lieber zusammen? „Juntos!“ Gemeinsam.
Irgendwann besuchen wir gemeinsam ihr Dorf, hoffentlich.

Moment III – Augusto

Die Maternidad macht auch Hausbesuche in die ärmsten Viertel Chimbotes. Dort war ich auch öfters dabei. Das war das erste Mal, dass ich die Armut Perus wirklich mitbekommen habe. Und vor allem das Ausmaß. Holzhütte nach Holzhütte reiht sich in der Würste Chimbotes. Das Wissen, dass wahrscheinlich in jedem Haus eine Familie sitzt, die meine volle Aufmerksamkeit bräuchten, damit ich ihren irgendwie in ihrer Situation helfen könnte, übermannt mich.

Mein erster Besuch ist sehr bei mir hängen geblieben. Kurze Beschreibung: Frau, mit 6 Kindern, ein Zimmer, ein Bett und eine Matratze auf dem Boden. Ein Kochtopf. Die Frau leidet ziemlich sicher an Schizophrenie und einem Alkohol Problem. Elly, die Krankenschwester mit der ich am liebsten gehe, wegen ihrer Ruhe und ihrem Optimismus, redet mit der Frau, überredet sie doch zur Therapie zu uns zu kommen. Doch dann kommt ihr ältester Sohn. Augusto. 13 Jahre alt. Die Mama fängt an zu schimpfen. Er ist so viel auf der Straße, respektiert sie nicht mehr. Sagt uns, sie will das er adoptiert wird. Und da steht Augusto und fängt an zu weinen. Zwischen leisen Schluchzern erzählt er. Sie ist nie da. Oder schreit rum. Oder kommt um 12 Uhr Nachts betrunken nach Hause. Nach 15 Minuten gehen wir wieder. Die Mutter ist ein mal, am gleichen Tag, zu Therapie gekommen. Danach nie wieder. Augusto habe ich nie wieder gesehen.

Das stört mich am meisten an der Besuchen: Das wir nicht wirklich die Mittel haben aktiv zu helfen und vor allem nicht genug Aufmerksamkeit für einen individuellen Fall. Wir gehen von einem Haus zum anderen und bis jetzt war ich nie zweimal in einem Haus. So habe ich zwar bei fast jedem Fall das Bedürfnis eine Beziehung zu den Menschen aufzubauen, mehr mit ihnen zu arbeiten, aber nie die Chance.

Außerdem ist es in der Maternidad leider sehr schwierig, dass ich überhaupt bei den Besuchen mitgehen darf, also konzentriere ich mich jetzt erst mal lieber auf andere Teile meiner Arbeit.

Moment IV – Sala de Pardo

Seit drei Tagen bin ich morgens im „Sala de Pardo“ – der Geburtsstation. Da ich absolut keine medizinische Bildung und glaube ich auch kein großes Talent habe, bin ich hier wirklich ein unsichtbarer Zuschauer, aber trotzdem gefällt es mir sehr. Bis jetzt habe ich zwei Geburten gesehen, was natürlich sehr emotionale Situationen für die Mütter sind. Auch ich war nach beiden Geburten so überwältigt, dass ich mir die Tränen verkneifen musste. Am meisten überrascht hat mich die Alltäglichkeit und Ruhe, mit der die Hebammen die Geburten geleitet haben. Auch das Gefühl ein frisch geborenes Baby auf dem Arm zu haben ist ganz besonders, und ich versuche gar nicht erst es zu beschreiben. Wieder hab ich das Bedürfnis eine Beziehung zu den Patienten aufzubauen, die aber einfach an mir vorbeischweifen, im Trubel von allem anderen.

Nur eine Sachen nervt mich sehr: das peruanische Gerücht (das mir auch immer von meiner Gastmama und -oma gepredigt wird) man dürfe bei der Geburt nicht schreien, da dass das Baby wieder hochdrücke. Meiner Meinung nach Unsinn...

Fotos der Reihenfolge nach: 1. Hector im neuem Spielzimmer in Lima, 2. sein neues Zuhause, 3. Ephraim, 4. Abigail, 5. Martha und ihr Manuelito

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